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Bd. 20 Nr. 2 (2019): Wirtschaftsethik und Digitalisierung

Digitalisierung ist in aller Munde: Die Kraft der Veränderung, die der Digitalisie- rung zugeschrieben wird, scheint geradezu grenzenlos zu sein: disruptive Transfor- mation von Geschäftsmodellen, digitaler Kapitalismus, Null-Grenzkosten-Gesell- schaft, aber auch Jobvernichtungen, Datenunsicherheiten, gläserne Menschen und Darknet. Dazu kommen die Chancen und Risiken künstlicher Intelligenz.

Es ist mehr als eine Vermutung, dass die digitale Transformation, die mehr und mehr – gewollt und nicht gewollt – um sich greift, neue wirtschaftsethische Frage- stellungen aufwirft. Neben den Fragen auf sehr konkreten Ebenen, die die ›Anwendung‹ von wirtschaftsethischen Konzepten auf neuartige Problemstellun- gen thematisiert (i), führt die Digitalisierung als gesellschaftliches Phänomen auch zu konzeptionellen Fragen, die in die grundsätzliche Struktur, wie wir Ethik den- ken, hineinführen können (ii).

Ad (i): Fragen der ersten Art betreffen Gestaltungsempfehlungen für eine Rah- menordnung digitalen Wirtschaftens. Gesellschaftliche Fragen, wie im digitalen Kapitalismus eine soziale Marktwirtschaft zu denken ist (Grundeinkommen, Datensicherheit, Bürgerrechte etc.) sind wirtschaftsethisch unter Stichwörtern wie Teilhabe, Gerechtigkeit, Freiheit und Solidarität neu zu stellen. Ganz grundsätz- lich erfährt die Frage neue Bedeutung, ob ethisch/gesellschaftlich alles gewollt wird, was technologisch möglich ist? Darüber hinaus führen neue Geschäftsmo- delle in wirtschaftsethische Fragestellungen, etwa die Frage, wie sollen Roboter ethisch programmiert werden, wenn sie im Umgang mit Menschen (wie z.B. dieAlterspflege) eingesetzt werden? In der Öffentlichkeit diskutiert werden darüber hinaus selbstfahrende Autos, Smart Homes und Datenschutz. Die Herausforde- rungen sind vermutlich weniger von technischer oder wirtschaftlicher Art, son- dern sie liegen in eben den normativen Fragen des Rechts und vor allem der Ethik.

Ad (ii): In dem klassischen Verständnis von Ethik wird ganz wesentlich von sub- jektzentrierten Ansätzen ausgegangen, die das handelnde Individuum in den Mit- telpunkt der Überlegungen stellen. Insbesondere in der Wirtschafts- und Unter- nehmensethik bestehen bereits Ansätze, die dieses Verständnis in Richtung korpo- rativer Akteure erweitern. Führt die Digitalisierung nun noch weiter, indem nicht nur korporative Akteure eine konzeptionell wesentlich stärkere Bedeutung erhal- ten, sondern auch über neuartige Ethiksubjekte (z.B. künstliche Intelligenz, Algo- rithmen) und Akteursnetzwerke nachgedacht werden muss? Wird auf digitale Weise neues ethisches Wissen geschaffen?

Veröffentlicht: 2019-12-04

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